13: In Arbeit

In ArbeitIn Arbeit

Kurzgeschichten von Betty Kay

  • Dienstschluss
  • Seltsamer Tag
  • Die Beförderung
  • Mein Chef

ISBN 978-3-942024-12-9

August 2010

Leseprobe:

Mein Chef

Mein Chef besitzt den Jähzorn eines Stiers angesichts eines roten Tuches. Obwohl ich weiß, dass diese Tiere farbenblind sind. Für die Wutanfälle meines Chefs ist es ebenfalls egal, welche Farbe das Tuch hat, mit dem ich ihn unabsichtlich reize. Gestern habe ich mich geweigert, einen seiner abgedrehten Wünsche zu erfüllen. Da hat er zu brüllen begonnen, sodass ich gedacht habe, er würde mich jeden Moment feuern.

Er ist auch nicht im Geringsten geduldig. Weil ich seinem Auftrag heute Vormittag nicht im selben Augenblick nachgekommen bin, in dem er ihn mir erteilt hat, rannte er mir lange Zeit verärgert hinterher, obwohl mir das furchtbar peinlich vor allen Leuten war.

Außerdem ist mein Chef ein Tyrann. Er sagt mir ständig, was ich zu tun habe und kontrolliert alles, was ich tue, sogar wenn ich nur aufs Klo gehe. Will ich Mittagspause machen und er ist nicht einverstanden, muss ich weiterarbeiten. Er schreibt mir vor, wann ich morgens aufstehen soll beziehungsweise darf, was ich kochen soll und will immer an erster Stelle stehen. Der Despot möchte jede Sekunde meines Lebens bestimmen. Doch was ist mit meinen Wünschen, meiner Privatsphäre? Sollte ich nicht auch ein paar Rechte haben? Hin und wieder einen Urlaubstag für mich?

Ich habe quasi einen 24-Stunden-Job. Wenn sich andere nach Dienstschluss in ihre diversen Beförderungsmittel setzen, um sich selbst in ihren wohlverdienten Feierabend zu entlassen, kann ich lediglich nach einem Blick auf die Uhr hoffen, dass ich bald schlafen gehen kann. Ich kann nicht einfach die Tür hinter mir schließen und habe meine Ruhe. Mein Chef greift rund um die Uhr auf meine Fähigkeiten zurück. Da kann ich noch so sehr auf seine Pflichten nach dem Arbeitsrecht pochen. Seine Vorstellungen von meinem Arbeitstag sehen anders aus. Er wohnt nämlich gleich nebenan.